Mehrere Gründe haben uns veranlasst auszusteigen

Wie im letzten Kapitel bereits beschrieben, sind mir langsam Zweifel gekommen, ob uns die Flucht unter den gegebenen Umständen überhaupt gelingen kann. Der Ballon erreichte unter keinen Umständen die notwendige Tragkraft, um mit 8 Personen problemlos aufsteigen zu können. Die 80°C Temperaturdifferenz, die notwendig gewesen wären um abzuheben, erschienen mir immer unrealistischer und selbst wenn wir es geschafft hätten, wären uns keine Reserven geblieben.

Es kamen weitere Bedenken hinzu, denn durch die Rückschläge bedingt, haben wir uns auch immer wieder mal über die Gefahren unterhalten, die mit einem missglückten Start auf uns zugekommen wären. Petra hat in diesem Zusammenhang natürlich auch immer wieder an die Kinder gedacht. Was würde passieren wenn wir abstürzen? Oder was würde mit uns und den Kindern geschehen, wenn wir erwischt werden? Solche Gedanken haben sich unter diesen Gegebenheiten immer wieder in den Vordergrund gedrängt.

Es kam ein weiteres Problem hinzu, über das wir uns Anfangs kaum Gedanken gemacht hatten. Seit dem 1. März dieses Jahres habe ich nicht mehr offiziell in einem Betrieb gearbeitet. Ich war mit Peter Strelzyk zusammen auf der Basis von Feierabend-Arbeit tätig. Das war zu dieser Zeit auch völlig legal, allerdings nur als Ergänzung zur normalen Tätigkeit. Für solche Feierabendarbeiten waren sogar Stundenlöhne vorgegeben, die man ganz offiziell nehmen durfte. Aber wie schon gesagt, legal war das Ganze als Ergänzung zum normalen Job. Und genau das habe ich langsam zum Problem werden gesehen. Mittlerweile war ein halbes Jahr auf diese Weise vergangen und ich habe mich gefragt, ob nicht irgendwann mal jemand nachschauen würde was wir so treiben. Unter Umständen hätte diese Person dann mitbekommen können, dass bei uns etwas illegales im Gange ist.

Auch das Verhältnis zu Peter Strelzyk war zu diesem Zeitpunkt schon etwas gestört, denn es hat zu einigen Punkten, die insbesondere unsere Sicherheit betrafen, mittlerweile sehr verschiedene Meinungen gegeben.

Alle diese Umstände haben mich veranlasst, ab dem 23. August 1978 wieder in ein offizielles Arbeitsverhältnis einzutreten und den Versuch die DDR zu verlassen erst einmal zurückzustellen. Wir haben deshalb alle Hinweise, die auf unsere Beteiligung deuten könnten beseitigt, und haben wieder ein normales, unauffälliges Leben geführt.
Von einem guten Freund hatte ich erfahren, dass die Kreispoliklinik in Pößneck noch einen Kraftfahrer für einen Notarztwagen sucht. Auf diese Stelle habe ich mich dann gleich beworben und habe die Stelle auch bekommen.
Mir ist allerdings bald klar geworden, das der Gedanke illusorisch war, dass wir auf diese Weise aus dieser Nummer raus wären. Wenn der Fluchtversuch missglückt, oder auch wenn Strelzyk’s ohne uns geflohen wären, hätte man uns nach kurzer Zeit entdeckt. Die Folgen kann sich jeder ausmalen der in der DDR gelebt hat, oder wer die Situation in der DDR kannte. Wir wären mit Sicherheit eingesperrt worden und unsere Kinder hätte man uns abgenommen.

Deshalb ist auch nach kurzer Zeit der Gedanke gereift, es auf eine andere Weise zu versuchen. Ich wusste, dass Jörg Kramer, ein guter Freund von mir, Segelflieger war und dass dieser Unterlagen über Flugzeuge und das Fliegen besitzt. Diesem habe ich dann erzählt, dass ich mich fürs Fliegen interessiere und habe ihn gebeten, mir seine Unterlagen zu leihen. Mit Hilfe dieser Unterlagen und zusätzlicher technischer Literatur habe ich jetzt versucht, ein kleines Flugzeug zu konstruieren. Es erschien auch realistisch, dass dies gelingen könnte. Allerdings würde es schwer werden, das geeignete Material zu bekommen.
Mein Hauptproblem habe ich zu diesem Zeitpunkt in erster Linie in der Materialbeschaffung und im Bau gesehen. Auf den Gedanken, dass ich Probleme mit dem Flug, vom Start bis zur Landung bekommen könnte, bin ich zu diesem Zeitpunkt nicht gekommen. So schwierig konnte es doch nicht sein, dass Flugzeug in die Luft zu bekommen und zu fliegen, die Landung hätte ich dann auch noch hin gekriegt, selbst wenn das Flugzeug dabei zu Bruch gegangen wäre.

Heute sehe ich das allerdings etwas anders. Ich habe gleich nach unserer geglückten Flucht im Jahre 1980 das Fliegen gelernt. Seit 1992 bin ich Fluglehrer und habe seit dieser Zeit schon einige Piloten auf Motorflugzeugen, Motorseglern und Ultraleichtflugzeugen ausgebildet. Durch diese Erfahrungen weiß ich heute, dass es nicht ganz so einfach ist ein Flugzeug zu fliegen, ganz egal ob es sich um Start, das Fliegen oder die Landung handelt.

Während des Winters habe ich mir dann Gedanken zum Bau eines Flugzeuges gemacht und habe erste Ideen entwickelt, wie so ein Flugzeug aussehen könnte. Aufgrund der Fehlversuche mit dem Ballon war mir aber auch klar, dass der Plan von Anfang an durchdacht und nachvollziehbar sein muss, um sicherzustellen, dass das Flugzeug auch wirklich fliegt. Da ich aber keine Erfahrung mit Flugzeugen hatte, haben sich meine Vorbereitungen länger hingezogen als gedacht. Bedingt durch meine Tätigkeit als Berufskraftfahrer, ich hatte mittlerweile zum Kraftverkehr Pößneck gewechselt, war die Zeit auch wieder knapp geworden und ich konnte mich nicht mehr so viel um meine Pläne kümmern.

Mittlerweile war der Sommer gekommen und ich habe erfahren, dass im Grenzgebiet ein Heißluftballon gefunden wurde. Da es sich offenbar um einen selbstgebauten Ballon gehandelt haben musste, ist man davon ausgegangen, dass es sich um einen missglückten Fluchtversuch gehandelt hat.

Ich war mir sicher, das konnten nur die Strelzyk’s gewesen sein. Da sich Peter nicht bei mir gemeldet hat, war ich trotzdem etwas verwundert. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass sie es jetzt auf eine andere Weise, nämlich über ausländische Botschaften versuchen wollten.
Da dies offenbar nicht geklappt hat, kam Peter am 23. Juli 1979 zu mir und hat mir alles erzählt. Er hat mich gefragt, ob ich bereit wäre wieder mitzumachen und einen neuen Ballon zu bauen.

Aufgrund meiner Überlegungen der letzten Monate, in denen ich erkannte, dass man auch nach uns suchen würde, ist am 27. August 1979 die Entscheidung gefallen ...

Weiteres folgt im nächsten Kapitel