Der zweite Ballon war dann endlich funktionsfähig!

Aufgrund der Erfahrungen, die wir mit dem ersten Ballon gesammelt hatten war klar, dass wir mehrere Probleme lösen müssen wenn wir Erfolg haben wollen.

Das offensichtlichste Problem war die Luftdurchlässigkeit des verwendeten Stoffes, aber wir wussten auch nicht ob die Größe des Ballons ausreichend war, denn wir hatten diese ja nur aufgrund von Bildern geschätzt.

Um einen geeigneten Stoff für unser Vorhaben zu finden habe ich als nächstes ein Messgerät gebaut, um die Luftdurchlässigkeit von Stoffen zu messen. Dieses Messgerät bestand aus einem Blechwürfel mit den Maßen 10x10x10 cm bei dem eine Seite offen war. An der gegenüberliegenden Seite habe ich eine Öffnung angebracht, an der ich einen Staubsauger anschließen konnte.
Der Staubsauger war ein handelsübliches Gerät, dass ich an einem regelbaren Transformator angeschlossen hatte, um mit diesem die Drehzahl und damit den Unterdruck im Saugschlauch und damit auch in meinem Messkasten zu regeln.
Weiterhin hatte ich am Blechkasten einen Messanschluss angebracht, um den Unterdruck darin zu messen. Als Messgerät habe ich ein U-Profil aus Glas verwendet, das mit Wasser gefüllt war. Durch den Unterdruck im Saugschlauch wurde die Wassersäule angehoben und Druckunterschiede konnten sichtbar gemacht werden.

Jetzt musste nur noch auf die offene Seite des Blechwürfels Stoff gespannt werden und man konnte anhand der Höhe der Wassersäule erkennen ob ein Stoff durchlässig ist oder nicht. Je höher die Wassersäule stieg, umso undurchlässiger war der Stoff, denn der Unterdruck im Saugrohr bzw. im Würfel wurde größer, je dichter der Stoff war.

Auf diese Weise sind vier verschiedene Stoffe in die engere Auswahl gekommen. Am idealsten für unser Vorhaben waren Regenschirmseide und Zeltnylon, da diese sehr leicht und widerstandsfähig waren. Auch Taftstoff, der ja eigentlich ein Bekleidungsstoff ist kam in Frage. Dieser ist zwar etwas schwerer aber auch sehr luftdicht, allerdings ist Taftstoff nicht so witterungsbeständig wie die anderen beiden Stoffe. Als vierte Möglichkeit hatten wir Bettinlett gewählt, dieser Stoff ist zwar deutlich schwerer als die anderen, ist aber genauso Luftundurchlässig wie die Anderen. Das wäre zwar nicht unsere erste Wahl geworden, aber im Notfall kam auch dieser in Frage.

Im nächsten Schritt musste die benötigte Größe des Ballons bestimmt werden. Da Physik und Technik schon immer meine Hobbys waren, hatte ich ein “Brockhaus-Lexikon der Physik” und ein Handbuch “Fachkunde für Gasmonteure” zu Hause, in denen ich viele Informationen über Wärmetechnik und das Verhalten von Luft bei Temperaturänderung entnehmen konnte. Hier fand ich jetzt die geeignete Formel für unser Vorhaben. Es handelt sich dabei nicht einmal um eine spezielle Formel für Ballons, sondern die ganz normale Gasgleichung, man musste es nur wissen.

Mit dieser Formel konnte jetzt die Größe des Ballons festgelegt werden und ich bin davon ausgegangen, dass wir bei einer Temperaturdifferenz von 75°C ein Gewicht von ca. 750 kg tragen könnten.
Es hat sich später leider herausgestellt, dass es zu optimistisch war, eine derart hohe Temperaturdifferenz als Berechnungsgrundlage zu verwenden.

Jetzt waren die wichtigsten Vorraussetzungen für den Bau des Ballons geschaffen.
Um nicht aufzufallen, und in der Hoffnung in einem größeren Kaufhaus auch eine größere Menge Stoff zu bekommen sind wir Anfang Juni nach Leipzig ins Konsument-Kaufhaus gefahren.
Einer unserer ausgewählten Stoffe, nämlich Taftstoff war tatsächlich vorrätig und wir konnten die benötigten 1200 m2 mitnehmen. Um nicht aufzufallen hatten wir uns bereits als Ingenieure vom Segelsportverein der Hohenwartetalsperre vorgestellt und erzählt, dass wir diesen Stoff zur Herstellung von Segeln benötigen. Das hat man uns offenbar auch geglaubt und es gab keinerlei Probleme.
Allerdings haben wir hier unseren ersten großen Fehler gemacht, der uns hätte zum Verhängnis werden Können, wir haben einen Teil des Stoffes mit einen Scheck bezahlt.

Die Herstellung des Ballons ging in der Folge zügig voran. Da wir beim Bau des ersten Ballons bereits genügend Erfahrungen bezüglich der Arbeitsabläufe gesammelt hatten und dieser Ballon vom Aufbau her dem ersten gegenüber weitgehend gleich war, konnten wir ohne größere Unterbrechungen arbeiten.
Da beim Nähen immer der gesamte Stoff über die Nähmaschine gezogen werden musste, konnte ich diese Arbeit allerdings nicht allein erledigen, deshalb haben mich meine Frau Petra, Peter und Doris Strelzyk abwechseln unterstützt und beim Zuführen des Stoffes geholfen.

Die wesentlichsten Änderungen beim neuen Ballon waren die Vergrößerung des Volumens von 1800 m² auf ca. 2200 m² und die Anzahl der Tragseile. Beim ersten Ballon habe ich in jede der 48 Nähte ein Tragseil eingenäht. Diese dienten zur Befestigung der Gondel und liefen alle oben in der Kuppel des Ballon’s zusammen, um die Last gleichmäßig über die gesamte Fläche zu verteilen. Diese Tragseile waren Nylon-Leinen mit einem Durchmesser von 3 mm die z.B. als Befestigungsleinen für Zelte verwendet wurden.
Diese Bauweise führte aber zu dem Problem, dass sich die 48 Leinen beim zusammenlegen verknoteten und beim Aufbau des Ballons immer wieder entwirrt werden mussten. Aus diesem Grund habe ich beim neuen Ballon nur noch in jede vierte Naht ein Tragseil eingenäht und dazu Nylon-Wäscheleinen mit einem Durchmesser von ca. 7 mm verwendet. Das Tragseil wurde außerdem bis auf eine Höhe von ca. 5 m mit dem Stoff vernäht.

Doppelfalznaht

Doppelfalznaht mit Tragseil

Da wir mit der Herstellung schnell vorankamen wurde das Antreiben der Nähmaschine mittels Fußpedal immer mehr zur Belastung und führte dazu, dass ich häufigerer Pausen machen musste. Aber auch dieses Problem konnte schnell gelöst werden, denn es gab Anbaumotoren für Nähmaschinen zu kaufen, die universell an jeder Nähmaschine angebaut werden konnten. Das habe ich dann auch getan und das hat mir die Arbeit wesentlich erleichtert. Nach knapp 2 Wochen war der Ballon fertig und wir konnten wieder mit den Test’s beginnen.

Um ganz sicher zu gehen, dass wir bei unseren Versuchen nicht entdeckt werden, haben wir uns eine neue Waldlichtung ausgesucht. Diese Lichtung befindet sich zwischen Liebschütz und Ziegenrück, hat nur einen Zufahrtsweg aus Richtung Liebschütz und grenzt an einen relativ steilen Abhang in Richtung des Saaletales. Wir konnten deshalb davon ausgehen, dass man diese Lichtung nur über diesen einen Weg erreichen kann und damit war das Ganze gut überschaubar. Um sicher zu sein, dass wir in der Nacht ungestört unsere Versuche durchführen können und nicht vielleicht ein Jäger seine Runde macht, ist entweder Peter oder ich bereits gegen 18 Uhr zu dieser Lichtung gefahren und haben auf dem Hochsitz eines Jägers bis zum Eintreffen der anderen nach Mitternacht gewartet. Wir sind davon ausgegangen, wenn bis zu diesem Zeitpunkt kein Jäger unterwegs ist, wird auch innerhalb der nächsten zwei Stunden keiner mehr kommen.

Den ersten Versuch unseren neuen Ballon zu füllen haben wir nach der gleichen Methode durchgeführt wie beim ersten Ballon. Die Frauen haben die Öffnung der Hülle aufgehalten und Peter oder ich haben abwechselnd versucht, die Luft mit dem Brenner zu erhitzen. Durch auf- und abwärtsbewegen der Öffnung sollte dann die heiße Luft nach hinten befördert werden. Leider hat das nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt hatten und wir mussten uns wieder einmal eingestehen, dass wir so nicht weiterkommen.

Die nächste logische Erkenntnis war, wir benötigen ein Gebläse. Die Verwendung von bereits vorhandenen Gebläsen aus der Landwirtschaft oder ähnlichen konnten wir ausschließen. Diese waren viel zu schwer und haben außerdem Strom zum Antrieb benötigt.

Aber auch hier hatte ich wieder eine Idee. Ich habe den Motor meines Motorrades, einer 250’er MZ mit einer Leistung von 14 PS ausgebaut. Anschließend habe ich alle überflüssigen Bestandteile entfernt, so dass nur noch das Kurbelgehäuse mit Kolben und Zylinder, die Grundplatte der Kupplung und die Zündanlage übrig geblieben sind.

An die Grundplatte der Kupplung habe ich sechs 40 cm lange, geschränkte Blechflügel geschraubt und das Ganze letztendlich in einem Rahmen und einer Ummantelung für den Propeller versehen. Um unnötigen Lärm zu vermeiden wurde noch der Auspuff von meinem Wartburg angebaut und fertig war das Gebläse.

Die Anwendung war zwar etwas umständlich, da wir den Motor von Hand über den Propeller anwerfen mussten, aber nachdem ich Vergaser und Zündung optimal eingestellt hatte ging auch das recht unproblematisch. Der Motor drehte mit ca. 3000 min-1 und hatte damit einen ordentlichen Luftdurchsatz.

Unser nächster Versuch war ein voller Erfolg. Bereits wenige Minuten nach dem Einsatz unseres Gebläses und der Unterstützung des Brenners war der Ballon prall gefüllt und die Tragseile waren straff gespannt. Die Gondel hatten wir vorsorglich im Boden verankert, so dass der Ballon nicht aufsteigen konnte.

Es lässt sich kaum in Worte fassen, was wir in diesen Augenblicken empfunden haben, aber wir waren von diesem Anblick überwältigt.
Wir sind um den Ballon herumgelaufen und waren uns sicher, dass uns dieser leuchtende Feuerball in den Westen bringen wird.

Aber auch hier kam die Ernüchterung sehr schnell. Bereits kurze Zeit, nachdem sich der Ballon aufgerichtet hatte, wurde die Flamme des Brenners immer kleiner.
Durch die schnelle Gasentnahme haben sich die Gasflaschen und das darin enthaltene Gas stark abgekühlt und damit wurde der Vergasungsprozess in den Flaschen vermindert. Die Leistung des Brenners ist dadurch immer geringer geworden und hat gerade noch gereicht, den Ballon kraftlos in der Luft zu halten.

Es folgten jetzt eine Reihe von Versuchen, die Leistung des Brenners zu verbessern. Wir haben statt einer Gasflasche 4 Gasflaschen verwendet um die Gasentnahme pro Flasche zu verringern. Damit haben wir den Abkühlungsprozess zwar verlängert, aber leider nicht verhindert. Im nächsten Schritt haben wir uns von unserem 4-rohrigen Brenner verabschiedet und einen neuen mit nur einem Rohr gebaut, aber auch dieser hat das Problem nicht nachhaltig gelöst.

Da wir nicht weiterkamen, hatten wir die Idee, den Brenner mit Benzin zu betreiben. Ich habe einen LKW-Druckluftbehälter von einem W 50 beschafft und dieser sollte die Lösung sein. Wir haben ein Gestell gebaut, in dem der Behälter senkrecht stehen konnte und über den seitlichen Anschluss ein Steigrohr eingebaut. Den Behälter haben wir jetzt mit Benzin gefüllt und mit einer Fußluftpumpe unter Druck gesetzt. Der Kraftstoff wurde so aus dem Behälter gedrückt und über das Steigrohr dem Brenner zugeführt.
Der Brenner hat zwar eine Flamme erzeugt, die Leistung war aber aufgrund des zu geringen Druckes nicht ausreichend.

Wenn ich daran denke, was wir dann getan haben, läuft mir noch heute ein kalter Schauer den Rücken herunter.
Die rettende Idee war Sauerstoff. Wir haben über eine Zusatzdüse dem aus der Düse austretenden Kraftstoff Sauerstoff zugeführt. Das wäre ja noch OK gewesen, aber auch der Druck im Druckbehälter war bedingt durch die Fuß-Luftpumpe nicht ausreichend, deshalb haben wir den Behälter mit reinem Sauerstoff unter Druck gesetzt.
Wer weiß, wie sich Sauerstoff in dieser Kombination verhält, kann sich vorstellen, was hätte passieren können. Es ist zum Glück nichts passiert und die Flamme hat eine Höhe erreicht, die weit über unser 3-stöckiges Wohnhaus hinausgereicht hat.

Falls uns jemand angesprochen hätte, haben wir uns als Begründung einfallen lassen, dass wir einen selbstkonstruierten Brenner für den Heizkessel testen.
Die Leistung dieses Brenners wäre zwar unter Umständen ausreichend gewesen, aber die gesamte Anlage war so aufwändig, dass sie zum heizen eines Ballons nicht in Frage kam.

Aufgrund der Erfahrungen unserer Versuche bin ich immer mehr zu der Meinung gekommen, dass wir so nicht weiterkommen.
Nicht nur, dass der Brenner nicht ausreichend Leistung bringt, sondern auch der Gedanke dass die Größe des Ballons nicht ausreicht und einige Begleitumstände haben Petra und mich zu der Entscheidung veranlasst auszusteigen.
Ich war der Meinung, dass wir es zu acht mit diesem Ballon nicht schaffen werden und ich einen anderen Weg finden würde, die DDR zu verlassen.

Mehr dazu im nächsten Kapitel “Unser Ausstieg”.