Die Nacht der Flucht

Der Ballon war endlich fertig, aber wir konnten ihn nicht mehr testen. Da wir in nächster Zeit kaum noch einmal so eine günstige Gelegenheit bekommen würden, haben wir darauf verzichtet und uns entschlossen, den Versuch zu wagen.

Kurz nach Mitternacht haben wir uns auf den Weg gemacht. Peter Strelzyk, seine Frau Doris, sein Sohn Andreas und meine Frau Petra sind mit dem Wartburg der Strelzyks gefahren. Da mein Wartburg nicht einsatzbereit war, bin ich und Frank, der große Sohn der Strelzyks mit meinem Moped “Java-Mustang” gefahren.
Damit kam es während der Fahrt allerdings zu ersten Problemen. Der Motor dieses Mopeds hat dazu geneigt, bei größerer Belastung stehen zu bleiben, da sich der Kolben im Zylinder durch die thermische Belastung verklemmt hat. Das war mir zwar nicht neu und ist mir auch nicht zum ersten Mal passiert, aber in dieser Situation hat das schon genervt, zumal es während dieser Fahrt mehrmals passiert ist.
Trotz dieser Probleme haben wir es geschafft, gegen 1 Uhr am Startplatz anzukommen.

Jetzt haben wir uns erst einmal Zeit gelassen. Um sicherzugehen, dass uns niemand gefolgt ist, haben wir uns erst einmal ruhig verhalten und die Gegend um uns herum beobachtet. Da der Mond hell geleuchtet hat, war das auch leicht möglich.
Nachdem wir der Meinung waren, dass alles in Ordnung ist, haben wir gegen 1:30 Uhr mit den Vorbereitungen begonnen. Wir haben alles aus dem Anhänger und aus dem Kofferraum ausgeladen. Anschließend haben wir unseren Korb aufgebaut, die 4 Gasflaschen und den Brenner montiert und den Korb am Boden mit vier Seilen verankert. Auch die Ballonhülle haben wir ausgebreitet, am Korb befestigt und zum Füllen bereitgelegt. Um das Gas für die Fahrt zu sparen hatten wir auch noch einen 2. Brenner mit drei Gasflaschen dabei. Auch diesen haben wir vorbereitet um den Ballon beim Füllen vorheizen zu können und ihn bist zur Startbereitschaft aufzuheizen. Letztendlich haben wir noch das Gebläse vor die Öffnung des Ballons gestellt und damit waren die Vorbereitungen abgeschlossen.
Bis zu diesem Zeitpunkt ist alles sehr leise abgelaufen, da wir sehr vorsichtig und ruhig gearbeitet hatten. Bevor es losgehen konnte mussten wir aber erst noch etwas Lärm machen. Bedingt durch eine gute Vorbereitung konnten wir diese Zeit aber sehr kurz halten. Ich habe jetzt das Gebläse angeworfen und damit hat das Befüllen der Hülle begonnen. Das Gebläse hatte mit seinen 6 Flügeln und einem Durchmesser von ca. 80 cm eine große Förderleistung, so dass der Ballon in reichlich 5 Minuten gefüllt war. Um den Füllvorgang zu unterstützen und zu beschleunigen hat Peter zusätzlich mit dem Brenner Warmluft zugeführt, so dass der Ballon auch gleichzeitig aufgestiegen ist. Jetzt war es geschafft und wir konnten das Gebläse wieder ausschalten. Da wir in einer Waldlichtung waren und es nahezu Windstill war, stand der Ballon ruhig und stabil über dem Korb und wir waren Startbereit.
Jetzt war es endlich soweit und wir konnten einsteigen. Petra hat jetzt schnell noch unsere kleinen Sohn Andreas aus dem Auto geholt, da dieser dort geschlafen hatte und damit waren wir komplett

Unser Startplatz zwischen Oberlemnitz und Heinersdorf.
(50.483069, 11.591339 / 50°28'59.05"N, 11°35'28.82"E)
Hier sind wir um 2:32 in der Nacht gestartet


Jetzt kam auch unser Haupt-Brenner zum Einsatz, denn es konnte losgehen. Nach kurzer Zeit hat der Korb vom Boden abgehoben und unsere Verankerungs-Seile waren straff gespannt. Frank und ich haben jetzt diagonal zueinander die ersten zwei Seile gekappt. Bis jetzt war noch alles klar, aber darauf hin gab es die ersten Probleme. Da ich beim Kappen meines zweiten Seiles etwas schneller war als Frank, wurde der Korb zur Seite gekippt, da er nur noch an einem Seil hing. Dadurch ist natürlich auch der Brenner zur Seite gekippt und die Flamme wurde gegen den Stoff gelenkt, wodurch dieser das Brennen anfing.
Außerdem wurde der letzte Anker aus dem Boden gerissen und nach oben geschleudert. Dabei flog dieser Frank an den Kopf und ihm lief das Blut über das Gesicht. Glücklicherweise hatten wir einen Feuerlöscher dabei, so dass Peter nur die Flamme des Brenners reduzieren musste und ich den brennenden Stoff löschen konnte.
Auch die Verletzung von Frank stellte sich als recht harmlos heraus, so dass sich alle wieder beruhigten und die Fahrt problemlos fortsetzen konnten.

Ein Problem machte sich jetzt allerdings bemerkbar, dass ich nicht bedacht hatte. Da die Flamme im Inneren des Ballons hell leuchtete, ist mir aufgefallen, dass oben in der Mitte des Ballons ein Loch zu sehen war.

Was war passiert?
Als ich den Ballon fast fertig hatte, habe ich die Tragseile mittels eines Knoten miteinander verbunden und einfach eine Stoffkappe darüber genäht. Der Knoten hat sich aber durch die große Belastung richtig zugezogen und dadurch ist die Kappe die ich darüber genäht hatte aufgerissen. Die Folge dieses Loches machte sich auch gleich bemerkbar, denn wir mussten ununterbrochen heizen.

Ballonflucht

Dieses Loch ist gleich nach dem Start entstanden.

Trotz des Loches gelang es uns, immer weiter zu steigen und wir erreichten dabei eine Höhe von 2000 Meter über Grund. In dieser Höhe betrug die Windgeschwindigkeit die erwarteten 50 Kilometer pro Stunde und wir kamen zügig voran. Da es Nacht war konnten wir nur die wenigen Lichter erkennen, die in der Nacht um halb drei eingeschaltet waren. Vom Verlauf der Grenze und einer damit verbundene Beleuchtung war nichts zu sehen, was uns sehr überraschte. Das hat die Navigation allerdings sehr erschwert, bzw. unmöglich gemacht, so dass wir nach kurzer Zeit die Orientierung verloren hatten. Das ganze wurde noch dadurch gefördert, dass sich der Ballon mehrmals gedreht hatte und damit die Orientierung vollständig weg war.

Es war eine ruhige, aber angespannte Stimmung in unserem Korb. Von Angst oder Hektik war nichts zu spüren. Das Einzige was diese Ruhe gestört hat war der Brenner denn dieser musste ständig laufen.

Plötzlich werden aus einem hell erleuchteten Ort Scheinwerfer auf uns gerichtet, aber ihre Strahlen haben uns nicht erreicht. Was wir vermuteten und was sich später bestätigte, es waren Scheinwerfer der Grenzstation am Grenzübergang Rodolphstein an der A9.
Da wir sehr hoch waren und auch weiter weg von der Grenzstation waren wir aber nicht in Gefahr.

Nach diesem Schreck ging es aber gleich mit der nächsten Überraschungen weiter, die Flamme des Brenners ging aus. Wir dachten es lag an der Unterkühlung des Gases, da wir ständig heizen mussten und an der Kälte der Luft, denn wir hatten eine Temperatur von -8° Celsius. Deshalb haben wir mehrmals versucht den Brenner wieder zu starten, was uns aber immer nur kurzzeitig gelang. Wir mussten schließlich aufgeben, da uns klar wurde, dass unser Gas alle ist.
Jetzt ging es nur noch abwärts. Wir sind sehr zügig aus 2000 Meter Höhe in Richtung Boden gesunken.

Mir wurde bewusst, dass jetzt etwas schief gehen kann. Deshalb habe ich unseren Landescheinwerfer, einen Zusatz-Fernscheinwerfer fürs Auto, zur Hand genommen und um uns herum geleuchtet, in der Hoffnung es fällt jemandem auf, so dass man uns evtl. findet. Wenige Augenblicke später habe ich auch schon ein paar Baumwipfel unter uns durchhuschen gesehen und dann hat es auch schon gekracht, die Erde hatte uns wieder.

Unser Landeplatz bei Naila am Finkenflug
(50.33125, 11.671083 / 50°19'52,50"N, 11°40'15,89"E)
hier sind wir um 3:00 Uhr in der Nacht gelandet


Die kleine gestrichelte graue Line in der Karte zeigt den ehemeligen Genzverlauf beider deutscher Staaten und ist heute die Grenze zwischen den Bundeländern Thüringen und Bayern.


Da wir alle den Korb aus eigener Kraft verlassen konnten wurde klar, dass keinem etwas passiert ist, naja, Glück gehabt.

Jetzt hatten wir aber das nächste Problem, wir wussten nicht ob wir es geschafft haben und auch wirklich im Westen sind. Wir haben uns deshalb entschlossen, in Richtung Süden zu laufen, wenn wir es geschafft haben laufen wir von der Grenze weg, das wäre in Ordnung. Wenn wir es nicht geschafft haben, laufen wir den DDR-Grenzern in die Arme, das war uns aber egal, die hätten uns ohnehin gefunden, da sie uns ja bereits in der Luft gesehen hatten. Man muss dazu sagen, dass wir nach der Landung sehr erschöpft waren und durch die Unsicherheit ob wir es auch wirklich geschafft haben an einem Tiefpunkt angelangt.

Da die Nacht durch den Mond sehr hell war ist mir aufgefallen, dass wir über mehrere kleine Felder gelaufen sind. Das wäre für die DDR nicht unbedingt typisch gewesen, da gab es überwiegend große Felder. Jetzt kam Hoffnung auf, dass wir es geschafft haben könnten.
Als nächstes sind wir zu einem Hochspannungsmast gekommen, auf dem Typenschild stand etwas von “Überlandwerk”, das kannten wir aus der DDR auch nicht. Nachdem wir weiter gegangen waren, sind wir zu einem Bauernhof gekommen. Die Frauen und die Kinder haben sich jetzt erst einmal im Gebüsch versteckt und wir zwei Männer sind weitergegangen. In der Scheune haben wir dann eine Landwirtschaftliche Maschine stehen gesehen und uns war aufgrund des Types klar, wir haben es geschafft.

Als wir aus der Scheune herausgetreten sind kam plötzlich langsam ein Auto gefahren und wir haben uns vor diesem auf die Straße gestellt. Das Auto hat gestoppt und die Türen gingen auf. Ausgestiegen sind zwei Polizisten, zwei westdeutsche Polizisten, jetzt war klar, wir haben es geschafft.

Einer von uns hat noch gefragt, “Sind wir hier im Westen?”, diese Frage war aber eigentlich überflüssig, denn das war ja schon klar. Die Polizisten haben ganz erstaunt geantwortet “Natürlich, wo denn sonst?”. Es konnte ja keiner damit rechnen dass mitten in der Nacht DDR-Bürger 10 km von der Grenze entfernt auftauchen.

Nach dieser Begrüßung haben wir haben wir noch unsere mitgebrachte Silvester-Rakete gezündet und damit unseren Frauen signalisiert, dass alles in Ordnung ist. Diese sind auch gleich mit den Kindern zu uns gekommen und die Freude war riesig.


Wir hatten es geschafft, wir waren im Westen


Im nächsten Kapitel werde ich beschreiben, wie es uns nach der Flucht ergangen ist.